Halb richtig ist meistens ganz falsch.
Manfred Rommel

“Montecristo” – oder wie die schweizer Finanzwelt aussieht

Nun habe ich das Hörbüch von Martin Suters Roman “Montecristo” zu Ende gehört. Darin geht es um Jonas Brand, einem verkappten Regisseur, der allerdings aufgrund fehlender Möglichkeiten als Video-Journalist arbeitet. Als ihm per Zufall zwei völlig identische, aber gleichzeitig echte 100-Franken-Scheine in die Hände fallen, fängt ein spannender Polit-Thriller an…

Auch wenn Thriller hier etwas fehl am Platz hier, denn Suter arbeitet nicht mit den gleichen Spannungsbögen wie herkömmliche Thriller. Vielmehr lebt sein Roman, wie alle seine Romane, von der tollen Sprache sowie der Detailverliebtheit. Zunächst dachte ich noch, dass mich dieses Thema nicht ganz so fesseln würde, aber weit gefehlt: mir hat es großen Spaß gemacht, den Roman zu hören. Suter hat – wie immer – gut recherchiert und hat sich dafür in die Untiefen der schweizer Finanzwelt begeben, wie er auf der LitCologne im Frühjahr berichtete.

Das Hörbuch lebt dann noch von Wanja Mues’ Stimme! Ganz toll gelesen!

FAZIT: Lesen! Oder eben auch hören! :-)

Wolfgang Herrndorfs Blog “Arbeit und Struktur”

Als Wolfgang Herrndorf sich am meinem Geburtstag 2013 das Leben mit Hilfe einer Pistole nahm, hatte ich von ihm natürlich schon viel gehört, bis dahin war ich aber noch nicht dazu gekommen, etwas von ihm zu lesen. Zwei Tage später kaufte ich mir direkt seinen Jugendroman “Tschick”, den ich absolut super fand.

Jetzt zwei Jahre später nun ist seinem Blog “Arbeit und Struktur” als Buch herausgegeben worden. Ich wollte das unbedingt lesen, war aber skeptisch, ob so ein Blog als Buch überhaupt interessant ist. Aber ich muss sagen, ich wurde überhaupt nicht enttäuscht. Herrndorf hat mit dem Blog angefangen, nachdem er die Diagnose Hirntumor erhalten hat. Eine Diagnose, die ihm eine Lebenserwartung von nur wenigen Jahren, wenigen Monaten eingebracht hat. Niemand konnte es natürlich so genau sagen. Das Blog diente zunächst nur dazu, Freunde und Bekannte über ihn auf dem Laufenden zu halten, doch es wurde dann auch öffentlich gemacht und hatte eine große Leserschaft.

Das Blog nun an einem Tag zu lesen war sehr interessant. Es ist sehr vielschichtig. Natürlich erfahren wir viel über seine Krankheit, über Diagnosen, Therapien und Medikamente, über Ausfälle und Einschränkungen. Aber wir erfahren auch viel über die Arbeit eines Schriftstellers. Denn auch wenn ihm die Krankheit direkt nach der Diagnose das Leben schwer gemacht hat, Herrndorf hat versucht, durch “Arbeit und Struktur” seine letzten Monate/ Jahre sinnvoll zu nutzen. Und das hat er auch. Der Roman “Tschick”, den er bereits vor Jahren angefangen hatte, schrieb er nun zu Ende. Er wurde ein Riesenerfolg und gehört heute zu den meist gespielten Jugendromanen auf deutschen Bühnen (eine Interpretation davon habe ich im Theater der Keller in Köln gesehen und war begeistert). Auch seinen nächsten Roman “Sand” hat er in dieser Zeit beendet. Für eine quasi Fortsetzung von Tschick hat es nicht ganz gereicht, aber Fragmente von “Bilder deiner großen Liebe” durften dann doch veröffentlicht werden – Herrndorf hatte erst strikte Anweisung gegeben, dass er KEINE Fragmente seiner Arbeit veröffentlicht sehen will…

Insgesamt war es ein bewegendes Porträt eines Ausnahmeschriftstellers, der leider erst zum Ende seines Lebens hin seinen Ruhm miterleben durfte. Bereits todkrank kam er erstmals aus seiner Ein-Zimmer-Wohnung in ein größeres Appartement, weil ihm nun das nötige Geld zur Verfügung stand.

Ich kann das Buch nur jeden empfehlen, der sich für Wolfgang Herrndorf interessiert!!

Der letzte seiner Art

Während ich gerade noch den neuesten Roman von Martin Suter (“Montecristo”) als Hörfassung höre, habe ich parallel sein Buch “Der letzte Weynfeldt” gelesen. Darin geht es um Adrian Weynfeldt, Abkömmling einer reichen schweizer Industriellenfamilie, der es eigentlich nicht nötig hat zu arbeiten. Der aber aus Freude als Kunstauktionator arbeitet. Er selbst besitzt auch eine interessante kleine Sammlung an schweizer Künstlern.

Sein Leben verlebt er in einer Regelmäßigkeit, um dadurch seine Lebenszeit zu verlängern. Er ist ein Gentleman, wie es sie kaum mehr gibt, ist immer adrett gekleidet, stets höflich seinen Gästen gegenüber, außergewöhnlich großzügig – was vom Bezahlen des wöchentlichen Essens in freundschaftlicher Runde bis hin zum Finanzieren von Filmprojekten, die sonst keiner finanzieren möchte.

Nun passieren in seinem Leben, das sonst so regelmäßig verläuft, mehrere unvorhergesehene Dinge. Zunächst trifft er auf Lorena, eine für ihn wunderhübsche Frau, die ihn an seine Verflossene erinnert, unkonventionell, flippig. Er verliebt sich sofort in sie und sie merkt schnell, dass er alles für sie tun würde. Daneben will einer seiner ältesten Freunde sein geliebtes Bild von Vallontton “Nackte Frau vor einem Salamander” durch Weynfeldt veräußern. Beide Handlungsstränge sind und werden miteinander verwoben.

Das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen. Suter hat einfach eine bemerkenswerte Art zu schreiben. Mir hat vor allem die Figur des Weynfeldts sehr gut gefallen. Zwar ist das so überhaupt nicht meine Welt, aber die Beschreibung des letzten wahren Gentleman hat mich sehr fasziniert. Er ist mir richtig an Herz gewachsen und es hat mir Leid getan zu sehen, wie er von allen Seiten ausgenutzt wird. Ein wirklich sehr sehr lesenswertes Buch!

Mystischer Roman

Mein aktuellster Roma von vorablesen.de war der “Der Glühwürmchensommer” von Gilles Paris. Dort beschreibt der neunjährige Victor Beauregard, dessen Eltern sich schon vor langem als Freunde getrennt haben, seinen Sommer, den er zusammen mit seiner Mutter, deren Lebensgefährtin und seiner pubertierenden Schwester wie jedes Jahr am Mittelmeer verbringt. Dort hat sein Vater von seiner verstorbenen Schwester ein Appartement geerbt, das dieser jedoch nicht betreten mag. Die Gründe dafür liegen in der Vergangenheit, seine Schwester sei kein guter Mensch gewesen. Dort lernt Victor seine erste Liebe Justine kennen, die Zwillinge Tom und Nathan, die ihm die Villen der Gegend zeigen und eine Baronin, die vor vielen Jahren ihre Familie verloren hat.

Grundsätzlich ist der Roman schön geschrieben, aber das große Problem ist meiner Meinung nach, dass es aus der Sicht eines Neunjährigen geschrieben sein soll und da passt der Schreibstil überhaupt nicht. Gilles Paris ist es nicht gelungen, in die Sprache eines neunjährigen Jungen zu finden. Hätte er Victor diese Geschichte als Erwachsener schreiben lassen, der sich im Nachhinein an alles erinnt, hätte das gepasst. Aber so fand ich es nur unglaubwürdig – die Dinge, die er beschreibt, würden meiner Meinung nach kein neun Jahre alter Junge schreiben.

FAZIT: Leider ein etwas enttäuschender Roman, der mehr verspricht als er dann hält.

Noch ein Eberhofer: Griesnockerlaffäre

Diesmal ist es der Eberhofer selbst, der einen Mord begangen haben soll: Er soll seinen Kollegen Barschl umgebracht haben, der zugegebenermaßen sein Erzfeind ist und mit dem er auch am Tag zuvor einen Riesenstreit hatte… Mehr braucht man inhaltlich nicht dazu zu sagen, man muss es einfach selbst hören. Es ist jetzt schon der vierte Eberhofer-Roman und ich kann es mir einfach nicht vorstellen, ihn selbst zu lesen. Denn Christian Tramitz ist einfach grandios. Als Nicht-Bayer kann ich mich nicht so gut in den Dialekt einfinden, aber Tramitz macht das mal wieder super! Nachdem der dritte Roman für mich eher langweilig war, fand ich diesen schon weitaus netter! Es ist ja eher eine Krimikomödie als ein wirklich spannender Krimi. Aber: Absolut hörenswert!

Mord im Wiener Opernhaus

Hier mein aktuellstes vorablesen.de-Buch: Theresa Prammers Roman “Wiener Totenlieder”.  Nachdem in der Wiener Oper schon zwei Mitarbeiter ermordet wurden, versucht die Polizei auf ungewöhnlichen Wegen, den Mörder zu fassen. Hannes Fischer von der Wiener Polizei verspricht sich Hilfe von Lotta Fiore. Die Tochter der verstorbenen Opernsängerin Maria Fiore war einmal Polizeianwärterin, musste jedoch die Ausbildung abbrechen und arbeitete von da an als Kaufhausdetektivin. Da sie beide Welten, die der Polizei und der Oper, somit vereint, soll sie in der Oper als Statistin anheuern und dort ermitteln. Die Polizei geht nämlich davon aus, dass es sich bei dem Mörder um einen internen handelt. Ihr zur Seite wird ein ehemaliger Polizist gestellt, der aufgrund einer geheimen (zumindest auch hier noch nicht zu nennenden) Vergangenheit den Dienst quittierte und fortan als Clown arbeitete.

Was in der Leseprobe als spannendes Szenario anbahnte, war dann zum Ende des Romans dann doch mehr als enttäuschend. Die Ermittlungen sind nicht so spannend wie gedacht, Lottas Rolle ist dann doch sehr plakativ geworden. Außerdem passieren dann zum Schluss noch Dinge, die echt hanebüchen sind. Das kann ich hier natürlich nicht verraten, falls doch die ein oder andere das Buch lesen will. Schlecht ist es sicherlich nicht, verschenken würde ich es aber auch nicht…

Ein Bild von Dir

In Jojo Moyes Roman “Ein Bild von Dir” wird die Geschichte von zwei Frauen erzählt. Liv hat vor einigen Jahren ihren Mann verloren, einem aufstrebenden Architekten. Nun lernt sie einen neuen Mann kennen, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann. Dieser ist jedoch darauf spezialisiert, Raubkunst für die früheren Besitzer zurückzubringen. Und zufälligerweise besitzt Liv ein solches Bild, das sie gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann gekauft hat und das ihr viel bedeutet. Die neue Liebe steht hier auf dem Spiel. Auf diesem Bild ist eine Frau zu sehen und genau um die geht es hundert Jahre früher. Sophie lebt in Frankreich während des ersten Weltkrieges, die Deutschen haben Frankreich besetzt. Ihr Mann Edouard, ein Maler, ist an der Front. Sie versucht ihr Leben dort unter dem Druck der Deutschen zu gestalten…

Wenn ich jetzt so im Nachgang über das Buch nachdenke, ist es wirkliche eine gute Idee, diese beiden Zeitebenen miteinander zu verbinden. Aber ehrlich gesagt habe ich während ich es gehört habe, keinen richtigen Zugang gefunden. Von allen drei Büchern, die ich von Moyes bisher gehört habe, ist das meiner Meinung nach das Schwächste!

Das Leben mit Alzheimer

Alice ist 50 als sie merkt, dass sie auffallend viele Wörter vergisst, schonmal orientierungslos ist und manchmal mit ihrer eigenen To-Do-Liste nichts anfangen kann. Sie denkt an die Wechseljahre oder einen Gehirntumor, doch dann steht die unumstößliche Diagnose: früh einsetzendes Alzheimer. Für Alice bricht eine Welt zusammen, immerhin ist für die hochintelligente Harvard-Professorin für Kognitive Psychologie, Schwerpunkt Linguistik, die Sprache ein großer Teil ihres beruflichen sowie privaten Lebens…

Das Buch von Lisa Genova, ihres Zeichen selbst Neurowissenschaftlerin, ist ein toller Einblick in das Leben eines Menschen mit Alzheimer. Das Besondere hier ist, dass die Krankheit so früh einsetzt. Die meisten Betroffenen sind alt, so dass auch ihre körperlichen Möglichkeiten mit dem geistigen Verfall schrumpfen. Doch hier ist es anders. Alice ist körperlich unglaublich fit. So geht sie zum Beispiel täglich laufen, was sie aber mit fortschreitender Krankheit nicht mehr alleine kann, weil sie dann nicht mehr weiß, wo sie ist. Mit zunehmendem Maße ist sie von anderen abhängig.

Das Buch gibt auch eine Einblick in das Innere der Menschen mit Alzheimer. Natürlich kann das niemand so genau wissen, weil die Betroffenen in einem späten Stadium nicht darüber sprechen können, aber ich kann es mir gut vorstellen, dass es ihnen so oder so ähnlich gehen muss…

Ein tolles, ein trauriges Buch, das soeben mit Julianne Moore in der Hauptrolle verfilmt wurde. Dafür hat sie gerade einen Oscar erhalten. Ich konnte mir Moore während der Lektüre gut vorstellen. Auch Alec Baldwin als Ehemann, der den täglichen Verfall seiner Frau nicht mitansehen kann und sich lieber in seine Arbeit wirft….

Das Leben nach einem Trauma…

Matthew ist 19 Jahre alt und ist Patient in einer psychiatrischen Klinik. Zum Verarbeiten des Todes seines Bruders vor zehn Jahren erzählt er uns seine Geschichte…

“Nachruf auf den Mond” ist ein wirklich interessanter Roman, da er unglaublich viele Themenfelder berührt: das Leben mit Menschen mit Behinderung, der Umgang mit Tod und Trauer und nicht zuletzt das Zurechtkommen im Leben mit einer psychischen Krankheit. Nathan Filer vermag das den Lesern sehr gut rüberzubringen. Das Buch ist ein bisschen chaotisch geschrieben, nicht immer weiß man so genau, auf welcher Zeitschiene Mattew sich gerade befindet. Doch gerade das gibt dem Leser einen guten Einblick in seine psychische Krankheit.

Der Schreibstil ist sehr persönlich, da Matthew dem Leser direkt seine Geschichte erzählt und ihn auch immer wieder anspricht. Es gibt sehr klar geschriebene Teile und solche, die sehr konfus sind. Letztere gehören zu den Phasen, in denen die Krankheit über Matthew bestimmt.

Die Thematik ist sehr gtu gewählt. Der Umgang mit dem Tod und die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen ist nachwievor ein Tabuthema. Darüber kann man dann schon einmal ver”rückt” werden. Wenn dann noch eine familiäre Disposition zu psychischen Krankheiten vorliegen, kann dass einen Menschen ganz schön aus der Bahn werfen.

Ein Blick zum Schluss auf Filers Biographie und man weiß, dass er viele “wahre” Erkenntnisse aus seinem beruflichen Alltag als Pfleger in einer psychiatrischen Klinik einbringen konnte. Ein tolles Buch, zum Schluss hatte ich sogar einen “Kloß im Hals”…

Liebe in schwierigen Zeiten

Ich habe gerade das Buch “Böse Schafe” von Katja Lange-Müller gelesen. Darin geht es um die Anfang 20-jährige Soja, die Ende der 1980er Jahre aus Ost- nach Westberlin gegangen ist. Dort lernt sie Harry kennen, der sich als Junkie herausstellt, der auch schon im Gefängnis gesessen hat. Obwohl sie bislang noch gar nicht wusste, was ein Junkie ist, hilft sie ihm: Für ein Entwöhnungsprogramm muss er eine Gruppe zusammensuchen, die ihn permanent begleitet und pünktlich zu seinen Therapiestunden bringt. Diese Aufgabe übernimmt Soja und trommelt ein paar ihrer Freunde zusammen. Als Harry durch den Programmleiter als HIV-positiv “geoutet” wird, sind Sojas Freunde geschockt und ziehen sich zurück…

“Böse Schafe” ist die Geschichte einer ziemlich komischen Liebe. So richtig kommt man als Leserin nicht dahinter, warum Soja Harry liebt. Außerdem ist diese Liebe sehr selbstzerstörend. Das Buch ist in einer Art Brief an Harry geschrieben, sie fasst ihre gemeinsame Geschichte zusammen. Sie hat eine Art Tagebuch von ihm gefunden und streut diese Beiträge zwischendurch immer wieder ein. Sie ist von Anfang an verwundert, dass sie mit keinem Wort drin vorkommt. Doch dennoch bleibt ihre Liebe ihm gegenüber enthalten.

Der geschichtliche Hintergrund ist die Wende – zum Schluss des Romans sind wir beim Mauerfall angekommen. Doch das ist nur eine geschichtliche Randnotiz und trägt nicht wirklich etwas zum Roman bei.

FAZIT: Mir hat der Roman gut gefallen. Er ist interessant geschrieben. Doch man muss auch sehr genau lesen, weil manchmal wichtige Wendungen so beiläufig mittendrin stehen. Insgesamt ein interessantes Buch. Ein Blick auf ihre Biographie zeigt, dass auch einiges an Biographischem verarbeitet wurde…